Neben der Senkung erhöhter Blutfettwerte haben Statine in klinischen Studien eine lebensverlängernde Wirkung in der Sekundärprävention bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) oder symptomatischer Arteriosklerose-Manifestation (Durchblutungsstörungen, Niereninsuffizienz) bewiesen. Sie gehören daher zu den meistverordneten Arzneistoffgruppen überhaupt. Auch Patienten mit Diabetes mellitus oder Bauchaortenaussackung, dem sogenannten Bauchaortenaneurysma, sollten aufgrund ihres hohen kardiovaskulären Risikos im Sinne einer Sekundärprävention mit Statinen behandelt werden.
Um die für den einzelnen Patienten richtige Therapie zur kardiovaskulären Prävention zu finden, sollte zunächst das kardiovaskuläre Gesamtrisiko bewertet werden anhand dessen dann die Behandlungsziele definiert werden. Unter Einbeziehung des Patienten wird die Statintherapie und ggf. zusätzliche Medikamente (Ezetinib, PCSK9-Hemmer) ausgewählt, mit denen das Therapieziel erreichbar ist.
Patienten mit gesicherter ASCVD (atherosklerotischer kardiovasculärer Erkrankung), Typ 1 oder Typ 2 Diabetes, sehr hohen individuellen Risikofaktoren oder chronischer Nierenerkrankung haben ein so hohes Risiko, dass es keiner Abschätzung bedarf. Bei ihnen sollten aktiv alle Risikofaktoren behandelt werden.
Anderen anscheinend gesunden Menschen wird der Einsatz eines Systems zur Abschätzung des CV-Gesamtrisikos wie SCORE empfohlen (SCORE = Systemic Coronary Risc Evaluation), bei dem das kumulative 10 Jahres-Risiko für ein erstes tödliches artherosklerotisches Ereignis abgeschätzt wird.
Den Laborwerten sowie Angaben des Patienten zu kardiovaskulären Risikofaktoren werden jeweils die entsprechenden Werte aus diesen Chart-Tabellen zugeordnet.
In den SCORE fließen ein:
- Alter (mit steigendem Alter nimmt das Risiko zu.)
- Geschlecht (Männer haben ein höheres Risiko als Frauen.)
- arterielle Hypertonie (mit steigendem Blutdruck nimmt das Risiko zu.)
- Gesamt-Cholesterol (mit steigendem Cholesterolspiegel nimmt das Risiko zu)
- Rauchen (durch Rauchen steigt das Risiko.)
Nach diesem Schema werden Personen in Risikokatagorien eingeteilt, denen dem Risikograd entsprechend intensive Interaktionsstrategien zugeordnet werden:
Bei niedrigem Risiko ist demnach eine Lebensstilberatung ausreichend, bei steigendem Risiko sollte zusätzlich eine Pharmakotherapie erwogen werden und bei erhöhtem Risiko ist die Pharmakotherapie nicht mehr optional.
Zusätzlich sollte das Rauchen eingestellt, die Ernährung umgestellt, die körperliche Aktivität erhöht, der Blutdruck auf <140/90 mmHg gesenkt und der BMI auf 20-25 gesenkt werden.
Die Pocket Leitlinien Dyslipidämien empfehlen eine prozentuale Senkung der LDL-C-Werte je nach Risikoanalyse und das Erreichen bestimmter Zielwerte (siehe Poket Leitlinie Dyslipidämien 2019).
Bei der Prävention und Behandlung kardiovaskulärer Ereignisse sind die einzelnen Fachgesellschaften unterschiedlicher Meinung, ob man auf einen gewünschten LDL-Wert titriert (auch die Zielwerte sind je nach Fachgesellschaft unterschiedlich!) und dabei höhere Nebenwirkungsraten in Kauf nimmt (treat to target), oder ob man eine Standarddosierung ohne weitere Kontrolle des LDL-Wertes wählt (sogenanntes „fire and forget“ Prinzip, zu Deutsch „abfeuern und vergessen“). Die Therapie wird zusätzlich durch die individuellen Begleiterkrankungen und eine partizipielle Entscheidungsfindung komplex. Hier sei als Beispiel auf die NVL Chronische KHK von 2024 verwiesen.
Im Rahmen der medikamentösen Therapie sind die Statine das Mittel der ersten Wahl. Das Ansprechen auf diese Therapie ist jedoch variabel, so dass eine Auftitration der Statindosis erforderlich sein kann, bevor weitere LDL-senkende Behandlungen eingeleitet werden. Bei der Auswahl des Arzneimittels sollten der klinische Zustand des Patienten, Begleitmedikamente, Arzneimittelverträglichkeit, örtliche Behandlungsgewohnheiten und Arzneimittelkosten erwogen werden. Die Statine werden im Allgemeinen gut vertragen, haben aber spezifische Nebenwirkungen, wie Myopathie, und Interaktionen, auf die bei der medikamentösen Begleittherapie geachtet werden sollte.
Neben den Statinen kommen Cholesterinresorptionshemmer als Zweitlinientherapie zum Einsatz, wenn mit der höchstmöglichen Dosis keine ausreichende Senkung der Werte erzielt werden kann. Mit den neuen Proproteinkonvertase-Subtilisin/Kexin-Typ-9-Hemmern (PCSK9-Hemmern) steht eine weitere hochpotente Wirkstoffklasse zur Verfügung, die die LDL-C und CV-Ereignisse über die Statin- und Ezetinib-Therapie hinaus weiter senken kann. Sie sind aufgrund der hohen Kosten aber nur bei sehr hohem Risiko für ASCVD (artheriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen) kosteneffektiv einsetzbar und können nicht in allen Ländern vom Gesundheitssystem getragen werden.
Bei den Gallensäurebindern handelt es sich um eine ältere Substanzklasse, die aufgrund der häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen (Flatulenz, Obstipation, Verdauungsstörungen und Übelkeit) selbst in niedrigen Dosierungen nur eingeschränkt eingesetzt werden können.
Die Leitlinie nennt mit Lomitapid und Mipomersen zwei weitere neue Wirkstoffe. Lomitapid ist ein Hemmer des mikrosomalen Triglycerid-Transfer-Proteins, das bezüglich der kardiovaskulären Endpunkte derzeit noch nicht bewertet werden kann, aber mit erhöhten Aminotransferase-Spiegeln verbunden ist, die die schlechte gastrointestinale Verträglichkeit und das erhöhte Fett in der Leber widerspiegeln. Mipomersen kann an die messanger RNA von ApoB-100 als Antisense-Oligonukleotid binden, was die Translation von ApoB-100 hemmt und LDL- sowie VLDL-Werte senkt. Es ist bisher nur von der FDA und nicht von der EMA zugelassen.
Fibrate sind Cholesterin-Senker, die gut vertragen werden und über die Bindung an den Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptor α (PPAR-α) zu einem stark erhöhten Abbau des LDL-Cholesterins führen. In Kombination mit Statinen konnte allerdings kein zusätzlicher Wirksamkeitsbeleg gefunden werden.
4g n-3-Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren, reines EPA) pro Tag können kardiovaskuläre Ereignisse signifikant reduzieren. Sie zeigen bisher keine klinisch relevanten Wechselwirkungen und werden gut vertragen. Gastrointestinale Nebenwirkungen waren die häufigste Nebenwirkung.
Der erwartete klinische Nutzen kann abgeschätzt werden und hängt von der Intensität der Therapie ab:
Durchschnittliche LDL-C-Senkung:
- moderat intensives Statin: ~30 %
- hochintensives Statin: ~50 %
- hochintensives Statin + Ezetinib: ~65 %
- PCSK9-Hemmer: ~60 %
- PCSK9-Hemmer + hochintensives Statin: ~75 %
- PCSK9-Hemmer + hochintensives Statin + Ezetinib: ~85 %